Ackerbau und Spezialkulturen im Berggebiet: Vom vergessenen Erbe zur Resilienzstrategie
Foto: Fabienne Buchmann,
ZHAW
Berglandwirtschaft und Tierhaltung gelten als eng verbunden. Doch Klimarisiken, Marktdruck und gesellschaftlicher Wandel verengen die betrieblichen Spielräume. Pflanzliche Kulturen können sie standortangepasst erweitern.
Über Jahrhunderte gehörte der Anbau von Acker- und Spezialkulturen zur Berglandwirtschaft. Mit der Spezialisierung auf Milch- und Fleischproduktion wurde er weitgehend verdrängt. Heute eröffnen veränderte Rahmenbedingungen neue Perspektiven: Längere Vegetationsperioden erweitern die Anbaumöglichkeiten in der Bergzone, die Nachfrage nach regionalen pflanzlichen Lebensmitteln wächst und die Schweizer Ernährungsstrategie 2025–2032 verankert die Förderung einer pflanzenbetonten Ernährung erstmals als strategisches Ziel. Gleichzeitig deckt die inländische Produktion nur rund 35 Prozent des Bedarfs an pflanzlichen Lebensmitteln, mit sinkender Tendenz.
Acker- und Spezialkulturen können die weidebasierte Tierhaltung ergänzen
Eine qualitative Studie mit Landwirtinnen und Landwirten sowie Expertinnen und Experten aus der Schweiz, Österreich und Südtirol zeigt, dass Acker- und Spezialkulturen die weidebasierte Tierhaltung im Berggebiet standortspezifisch ergänzen können. Als komplementärer Betriebszweig fördern sie die betriebliche Diversifizierung, stärken Agrobiodiversität und Stoffkreisläufe und erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegenüber Klima- und Marktrisiken. Pionierbetriebe greifen historische Anbautraditionen auf und passen sie an heutige Bedingungen an.
Hürden müssen überwunden werden
Diesen Potenzialen stehen jedoch vier zentrale Hürden gegenüber. Das System agrarpolitischer Förderinstrumente begünstigt die Tierhaltung strukturell, spezialisierte Beratung für Acker- und Spezialkulturen im Berggebiet fehlt weitgehend, regionale Verarbeitungsinfrastrukturen sind lückenhaft und geeignete Sorten für Höhenlagen werden zu wenig gezüchtet und geprüft. Wissen wird daher oft im kostenintensiven Selbstversuch aufgebaut. Die Studie zeigt drei ineinandergreifende Rückkopplungen: Auf institutioneller Ebene stabilisieren die bestehenden Rahmenbedingungen das viehwirtschaftlich geprägte System und beschränken den Pflanzenbau auf eine Nische. Diese Asymmetrie schlägt auf die Betriebsebene durch, wo fehlendes Wissen die Experimentierkosten und damit die Risiken für interessierte Betriebe erhöht. Dass der Betriebszweig dennoch besteht, ist vor allem der intrinsischen Motivation und Kooperation einzelner Pionierbetriebe zu verdanken – ein Engagement, das ohne systemische Unterstützung jedoch begrenzt skalierbar ist.
Damit dieses Engagement über einzelne Betriebe hinaus in der Breite wirksam wird, müssen die genannten Rahmenbedingungen konsequenter darauf ausgerichtet werden. Die Agrarpolitik 2030+ bietet hierfür ein konkretes Zeitfenster.
Fazit
- Acker- und Spezialkulturen im Berggebiet sind keine Ersatzstrategie zur Tierhaltung, sondern ein standortangepasster Baustein für mehr Resilienz und regionale Wertschöpfung.
- Damit das Potenzial über einzelne Pionierbetriebe hinaus wirksam wird, braucht es spezialisierte Beratung und eine stärkere Verankerung in Aus- und Weiterbildung.
- Investitionen in regionale Verarbeitungsinfrastruktur, Kooperationslösungen, gezielte Anreize in den Direktzahlungen und Fortschritte in Züchtung für Höhenlagen können die Diversifizierung skalieren.
- Aus Pionierleistungen wird ein tragfähiger Entwicklungspfad, wenn betriebliche Initiative, regionale Kooperation und passende Förderung ineinandergreifen.
Literaturhinweis
Mehr als eine Nische? Ackerbau und Spezialkulturen im Berggebiet.



