Agroscope, Kanton Waadt

Goldgelbe Vergilbung: Einschleppung und Ausbreitung in der Westschweiz

Eine Genanalyse liefert erstmals ein detailliertes Bild dazu, wie sich die goldgelbe Vergilbung in den Schweizer Rebbergen nördlich der Alpen ausbreitet: Infiziertes Pflanzgut und die lokale Ausbreitung tragen gemeinsam zur Entwicklung der Epidemie bei.

Bei der goldgelben Vergilbung (GGV) handelt es sich um eine gefährliche Rebkrankheit. Das mit GGV assoziierte Phytoplasma (zellwandfreies Bakterium) ist als Quarantäneorganismus eingestuft. Phytoplasmen werden durch die Zikade Scaphoideus titanus von Stock zu Stock übertragen. Bislang existiert keine Behandlungsmöglichkeit. Die heutigen Bekämpfungsmassnahmen beruhen auf der obligatorischen und systematischen Entfernung aller infizierten Rebstöcke, der Bekämpfung des Vektors mit Insektiziden in den befallenen Gegenden und auf der Gebietsüberwachung. Die Krankheit breitet sich seit 2015 nördlich der Schweizer Alpen aus, doch wie sie in die Westschweiz gelangte, war bislang unbekannt.

Zwei Krankheiten mit identischen Symptomen

Zwischen 2015 und 2022 untersuchte Agroscope 4212 von den Pflanzenschutzdiensten der Kantone Waadt, Wallis und Genf entnommene Proben von Rebstöcken mit Vergilbungssymptomen. Die Analysen zeigten, dass 26,3 % der Proben tatsächlich mit GGV infiziert waren. Etwa die Hälfte der Proben mit den gleichen Symptomen war von der durch ein anderes Phytoplasma verursachten Schwarzholzkrankheit befallen. Mischinfektionen waren mit 0,17 % selten.

Genetische Hinweise zum Ursprung der Krankheit

Die Genanalyse der Phytoplasma-Stämme anhand mehrerer Referenzmarker ergab nördlich der Alpen eine sehr geringe Vielfalt. Alle Proben wiesen das charakteristische Profil des epidemiologischen «Rebstock–Zikade»-Kreislaufs auf, der in zahlreichen europäischen Weinbauregionen beobachtet wird. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Krankheit wahrscheinlich durch das Anpflanzen von bereits kontaminiertem Pflanzgut eingeschleppt wurde. Eine Einschleppung durch eine Übertragung aus einem Reservoir in der Umgebung scheint weit weniger wahrscheinlich. Allerdings wird die potenzielle Rolle solcher Reservoirs in der Schweiz noch erforscht.

Regional unterschiedliche Ausbreitungsdynamik

Eine vertiefte Genanalyse ergab, dass drei unterschiedliche genetische Gruppen mit einer klar definierten geografischen Verteilung existieren. Um die lokale Verbreitung des Phytoplasmas genauer zu verstehen, entwickelte Agroscope genetische Marker, mit denen sich sehr ähnliche Stämme unterscheiden lassen. Diese Marker zeigten, dass die Ausbreitung der goldgelben Vergilbung räumlich unterschiedliche Muster aufweist und durch Landschaftsmerkmale sowie menschliche Aktivitäten beeinflusst wird:

  • Im Lavaux lassen sich zwei homogene, aber geografisch eindeutig getrennte Populationen identifizieren. Womöglich wirkt dort die Autobahn als Barriere und begrenzt die Wanderung der als Vektoren fungierenden Zikaden.
  • Im Mittelwallis dagegen deutet ein einheitlicher Genotyp auf eine einzige Einschleppung, gefolgt von einer lokalen Ausbreitung, hin.
  • Das Chablais weist die grösste genetische Vielfalt auf. Da einzelne befallene Parzellen über drei Kilometer voneinander entfernt sind, ist die Ausbreitung wahrscheinlich nicht nur durch die natürlichen Flüge der Zikaden zu erklären. Weitere Mechanismen – etwa der Austausch von Pflanzgut sowie der passive Transport der Zikaden durch menschliche Aktivitäten oder durch Winde – tragen eventuell auch zur Verbreitung der Krankheit bei.

Diese Studie liefert erstmals ein «hochauflösendes» genetisches Bild zur Situation der goldgelben Vergilbung nördlich der Schweizer Alpen. Sie zeigt, dass die Epidemie höchstwahrscheinlich durch die Einschleppung von infiziertem Pflanzgut verursacht wurde und dass neben der natürlichen Ausbreitung durch die Zikaden auch menschliche Tätigkeiten bei der Dissemination eine Rolle spielten.

Gesunde Rebpflanzen und neue genetische Marker verbessern die Überwachung

Die Prävention neuer Einschleppungen beruht vor allem auf der Verwendung von zertifiziertem und mit Heisswasser behandeltem Pflanzgut. Das Krankheitsmanagement erfordert auch eine rasche Entfernung der infizierten Rebstöcke sowie eine gezielte Bekämpfung der Zikaden mit Insektiziden. Schliesslich tragen prophylaktische Massnahmen wie die Reinigung der landwirtschaftlichen Geräte beim Wechsel zwischen den Parzellen sowie die Priorisierung der Weinbauarbeiten – d. h. die gesunden werden vor den infizierten Parzellen bearbeitet – dazu bei, das Risiko der Dissemination des Phytoplasmas zu verringern.

Die neu entwickelten genetischen Marker ermöglichen eine präzisere Überwachung der lokalen Befallsherde und könnten künftig in anderen Weinbauregionen der Schweiz und Europas getestet werden.

Fazit

  • Die Studie liefert die erste hochpräzise genetische Charakterisierung der Herde der goldgelben Vergilbung nördlich der Schweizer Alpen.
  • Die goldgelbe Vergilbung und die Schwarzholzkrankheit verursachen visuell identische Symptome; die zugrunde liegende Krankheit lässt sich nur mit einer genetischen Analyse zweifelsfrei identifizieren.
  • Höchstwahrscheinlich wurde die goldgelbe Vergilbung durch kontaminiertes Pflanzgut in die Westschweiz eingeschleppt.
  • Die regional unterschiedlichen Ausbreitungsmuster zeigen, dass die Dissemination der Krankheit sowohl auf den Flug der Zikade als auch auf menschliche Tätigkeiten zurückgeht.
  • In der Praxis ist es entscheidend, mit Heisswasser behandeltes Pflanzgut zu verwenden: Nur diese Methode kann heute gewährleisten, dass die Rebpflanzen frei von Phytoplasma sind.
  • Die vor Kurzem entwickelten genetischen Marker ermöglichen eine präzisere Nachverfolgung der Infektionsketten und eine gezielte Verbesserung der Überwachung und der Krankheitsbekämpfung.
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