Ostschweizer Fachhochschule (OST)

Burnout auf dem Hof: Früh erkennen, richtig helfen

Zwei Drittel der Schweizer Landwirtinnen und Landwirte haben bereits persönliche Grenzen erreicht – doch spezialisierte Hilfe wird kaum genutzt. Ein Schweizweites Netzwerk zeigt, warum und wie das geändert werden kann.

Lange Arbeitszeiten und körperliche Erschöpfung sind Teil des Arbeitsalltages; Burnout-Signale werden nicht als Warnsignal, sondern als Normalzustand von Bäuerinnen und Bauern eingestuft. Eine Onlinebefragung mit 367 Landwirtinnen und Landwirten in der Ostschweiz sowie 20 qualitative Interviews zeigen: Die stärksten Belastungen liegen in Arbeitsüberlastung, Bürokratisierung und gesellschaftlichem Anerkennungsverlust. Über die Hälfte der Befragten führen einen Nebenerwerb, was Erholungszeiten systematisch minimiert und die Gesamtbelastung weiter erhöht. Oftmals verläuft ein Burnout wie folgt: Investitionen führen zu Verschuldung, die Verschuldung erzwingt Nebenerwerb, der Nebenerwerb reduziert Regenerationsphasen und erzeugt eine Dauerbeanspruchung, die sich über Monate und Jahre anhäuft, bis Körper und Psyche ausgebrannt sind.

Hürden in der Nutzung psychosozialer Angebote

Psychosoziale Hilfsangebote wie das Bäuerliche Sorgentelefon, Coaches oder medizinsiche Fachpersonen sind bekannt und wichtig. Sie bilden eine unverzichtbare Anlaufstelle für Menschen in akuter Not. Dennoch zeigt sich eine strukturelle Nutzungslücke: Diese Hilfsstellen werden nicht in Anspruch genommen. Der Grund liegt nicht in mangelnder Qualität, sondern in einer Geh-hin-Logik: Betroffene müssen selbst aktiv werden, anrufen oder hingehen. Das setzt eine Handlungsfähigkeit voraus, die im Burnout-Verlauf schrittweise wegfällt. Hinzu kommt eine kulturelle Barriere: Kategorien wie Burnout oder Therapie sind in der bäuerlichen Lebenswelt fremd. Was diese Angebote ergänzen kann, folgt einer Kommt-auf-den-Hof-Logik und genau hier liegt eine grosse Chance:

Früherkennung durch vertraute Bezugspersonen

Wenn Hofbesuchende – Tierärztinnen und Tierärzte, Besamungstechniker, Betriebsberatende, Treuhänderinnen und Treuhänder – sensibilisiert und im Erkennen von Belastungssignalen geschult sind und gezielt an Beratungsangebote weiterverweisen, entsteht eine Hilfskette, die funktioniert: weil sie dort beginnt, wo Vertrauen bereits vorhanden ist. 83,7 % der Befragten nennen Vertrauen als wichtigste Eigenschaft eines Hilfsangebots, landwirtschaftlichen Bezug und Lebenserfahrung als entscheidender als klinische Fachkompetenz. Ergänzt durch Genesungsbeleiter sogenannte Peers, also Personen aus der Landwirtschaft, welche eine Burnout Erfahrung haben und die auf Augenhöhe begleiten, kann die oft wochenlange Lücke zwischen Erstkontakt und professioneller Versorgung überbrückt werden.

Das Projekt «Burnout-Prävention in der Landwirtschaft 2.0» (2025–2028), durchgeführt vom Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband und der OST – Ostschweizer Fachhochschule, unterstützt vom Schweizer Bauernverband, kantonalen Bauernverbänden, Maschinenring, AGRIDEA, Bäuerlichen Sorgentelefon, Hofkonflikt uvm. setzt genau hier an. Getragen von einer überkantonalen Charta, entsteht ein Netzwerk aus Brückenpersonen, Peers und Beratungsorganisationen. Das schweizweite Netzwerk ist offen für neue Partner.

Fazit und Empfehlungen

Wer Landwirtinnen und Landwirte im Burnout erreichen will, sollte nicht auf sie warten. Bestehende Vertrauensbeziehungen sind der Schlüssel.

  • Tierärztinnen und Tierärzte, Besamungstechniker, Betriebsberatende, Treuhänderinnen und Treuhänder besuchen Höfe ohnehin – ihr Erscheinen ist Betriebsalltag, keine psychosoziale Intervention. Wenn sie sensibilisiert und in kultursensiblen Gesprächsstrategien geschult sind, können sie Belastungssignale früh erkennen, behutsam ansprechen und weiterverweisen: «Ich habe einen Coach an der Hand – soll er mal kommen?»
  • Peers – Bäuerinnen und Bauern mit eigener Krisenerfahrung – sprechen dieselbe Sprache, kennen denselben Druck und dieselbe Scham. Sie normalisieren, was Betroffene für eine persönliche Schwäche halten, begleiten durch die Wartezeit bis zur professionellen Versorgung und bleiben auch nach einer Krise präsent.
  • Sorgentelefon, Coaches, Betriebsberatung, medizinische und psychiatrische Fachpersonen bilden das unverzichtbare fachliche Auffangnetz. Ihr volles Potenzial entfalten sie, wenn Brückenpersonen und Peers den Weg dorthin bereits geebnet haben.
Zum kompletten Archiv