Agroscope, ETH Zürich

Die Bedeutung der agrarpolitischen Ziele für die Schweizer Bevölkerung

Dieser Artikel fasst alle von Agroscope und ETH publizierten Beiträge zusammen, bei denen es um die Wahrnehmung der Agrarpolitik in der Landwirtschaft und der übrigen Bevölkerung geht. Er zeigt auf, auf was bei der Entwicklung von Politikmassnahmen geachtet werden muss, um eine breite Akzeptanz für eine integrierte Agrar- und Ernährungspolitik zu schaffen.

Eine wirksame Agrar- und Ernährungspolitik erfordert ein gemeinsames Zielverständnis und einen darauf abgestimmten Massnahmenmix. Die Schweizer Bevölkerung ist über die Ziele der Agrarpolitik weitgehend einig und sieht eine gemeinsame Verantwortung aller Akteure zur Zielerreichung. Dem Staat kommt dabei auch eine Rolle für ernährungspolitische Massnahmen zu. Um nachhaltige Produktions- und Konsumentscheidungen zu fördern, sind koordinierte politische Massnahmen entlang der gesamten Lebensmittelwertschöpfungskette notwendig. Um die richtigen Massnahmen zu definieren, ist es zentral zu wissen, welche Präferenzen in der Landwirtschaft und der übrigen Bevölkerung vorhanden sind.


Drei Befragungen zeigen agrar- und ernährungspolitische Präferenzen

Das Projekt von Agroscope und ETH basiert auf Daten aus drei Fragebögen, die mittels deskriptiver Statistik und Regressionsanalysen ausgewertet wurden. Der erste Fragebogen (Oktober 2022) erfasste in einer Online-Stichprobe von 1542 Personen aus drei Sprachregionen die Priorisierung agrarpolitischer Ziele und Zielkonflikte in der Schweizer Bevölkerung. Der zweite Fragebogen (Februar 2023) untersuchte in einer Online-Befragung von 453 Personen aus der Deutschschweiz die Akzeptanz von 19 informations-, anreiz- und restriktionsbasierten Massnahmen zur Förderung einer umweltfreundlichen Ernährung. Der dritte Fragebogen (Juni–August 2023) befragte 882 Landwirtinnen und Landwirte aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz zu agrarpolitischen Zielprioritäten, um diese mit jenen der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung zu vergleichen.

Die Sicht auf agrarpolitische Ziele

Die Schweizer Bevölkerung misst agrarpolitischen Zielen grosse Bedeutung bei, wobei Tierwohl klar priorisiert wird, gefolgt vom Einkommen der Landwirtschaft. Tiefe Lebensmittelpreise und höhere Inlandproduktion sind weniger wichtig. Präferenzen variieren stark nach politischen Einstellungen: Links-orientierte priorisieren Umweltziele, Rechts-orientierte Produktionsziele. Tierwohl ist wenig polarisierend und wird bei Zielkonflikten häufig bevorzugt. Regionale Unterschiede bestehen zwischen Sprachregionen, kaum jedoch zwischen Stadt und Land, und Landwirte sowie Nicht-Landwirte teilen viele Prioritäten.

Die Sicht auf agrar- und ernährungspolitische Massnahmen

Die breite Zustimmung zu den vielfältigen agrarpolitischen Zielen legitimiert Massnahmen für eine multifunktionale Landwirtschaft, wobei eine umweltfreundlichere Produktion nur bei gesichertem landwirtschaftlichem Einkommen realisierbar ist. Erforderlich ist ein ausgewogener Reformansatz, der Umweltziele, Einkommen und Lebensmittelpreise gleichermassen berücksichtigt und Polarisierung vermeidet. Die Bevölkerung zeigt ein systemisches Verständnis und sieht eine geteilte Verantwortung von Staat, Produzenten, Industrie und Handel und Konsumenten. Konsumseitige Massnahmen finden mehr Akzeptanz, wenn staatliche Verantwortung klar kommuniziert wird. Insgesamt spricht dies für einen kohärenten Politikmix aus regulatorischen Massnahmen, ökonomischen Anreizen, verhaltensbasierten Instrumenten (Nudges) sowie Informationsinstrumenten wie Labels, Beratung und Ausbildungsprogrammen.

Fazit

  • Der Bevölkerung sind alle agrarpolitischen Ziele wichtig. Tierwohl wird jedoch von einer grossen Mehrheit gegenüber anderen Zielen priorisiert.
  • Präferenzen für agrarpolitische Ziele variieren vor allem nach politischer Orientierung und Sprachregion, nicht jedoch zwischen Stadt und Land.
  • Mehr Umweltschutz und Tierwohl in der landwirtschaftlichen Produktion werden nur akzeptiert und umgesetzt, wenn sie nicht zu Einkommensverlusten für landwirtschaftliche Betriebe führen.
  • Ein kohärenter Politikmix mit geteilter Verantwortung aller Akteure – Produzierende, Konsumentenschaft, Industrie, Handel und Staat – erhöht die Akzeptanz ernährungspolitischer Massnahmen.
  • Ernährungspolitische Massnahmen sollten als Beitrag zu gemeinsamen gesellschaftlichen Zielen kommuniziert werden.
  • Ein Instrumentenmix aus regulatorischen Massnahmen, ökonomischen Anreizen, verhaltensbasierten Instrumenten (Nudges) sowie Informationsinstrumenten sollte von der Produktion bis hin zum Konsum genutzt werden.
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